Zu Kofler: Nation – Klasse – Kultur
Die Herausgeber ersuchen um Bereitstellung nachstehender Veröffentlichung.
Karolinger Verlag
Mitbürger! Freunde! Kölner! hört mich an: Bevor Gordian Noth, unser Mann fürs Grobe, sich der jüngsten Machenschaften der Koflerianer e.V. annimmt, dieses Prototyps einer ehrenwerten Gesellschaft – pünktlich zur offiziellen Ausrufung, am 9. Januar 2010, des Ruhrgebiets zur Kulturmetropole Europas –, sei kurz rekapituliert, was zum Verbot des Buches „Nation – Klasse – Kultur“ führte, 2007 im Karolinger Verlag erschienen (der den Band einstweilen nicht ausliefern darf; allerdings sind Remittendenexemplare, leicht angestoßen, aber ansonsten unzensiert, käuflich zu erwerben beim Versandantiquariat Peter Weber & Bernhard Scierski, Vincenzstraße 4–6, D–51065 Köln-Mülheim, Tel. & Fax [0049] (O)221–16825559, E-mail: buecher-weber-scierski@gmx.de). Jene von Schülern LEO KOFLERs herausgegebene Sammlung von Aufsätzen aus vier Jahrzehnten wies im Vorwort darauf hin, daß in mehreren Büchern Koflers, um die sich nachmals führende Mitglieder der posthum 1996 in seinem Namen gegründeten Gesellschaft „gekümmert“ hatten, als solche nicht kenntlich gemachte Auslassungen anzutreffen waren, und gab auch genaue Fundorte an. So fehlte etwa in „Beherrscht uns die Technik?“ (1983), der von dem damaligen DKPisten Werner Seppmann besorgten Neuausgabe der ursprünglich unter u. d. T. „Technologische Rationalität im Spätkapitalismus“ (1971) publizierten Studie Koflers, auf S. 151 ein Abschnitt über Dubcek und den „Prager Frühling“, der noch in der Erstauflage gestanden hatte, und zwar dort auf S. 39. Eine Fälschung? I wo. Denn Seppmann ist ein ehrenwerter Mann. Oder es fehlte in der von Christoph Jünke, Andreas Zolper u.a. besorgten 8. Ausgabe von „Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ (1992) im alphabetischen Verzeichnis der vom Verfasser benutzten Literatur Carl Schmitts „Politische Theologie“, die Kofler selber noch in der 1. bis 6. Auflage seines Hauptwerks genannt hatte. Eine Fälschung? I wo. Denn Jünke ist ein ehrenwerter Mann. Oder es fehlte in der Vollständigkeit beanspruchenden Liste sämtlicher Bücher und Broschüren Koflers in der von Christoph Jünke, Uwe Jakomeit u.a. besorgten Quasi-Festschrift „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen“ (1991) auf S. 276 Koflers letzte separate Buchveröffentlichung zu Lebzeiten, „Die Nation – Zukunft und Verpflichtung“ (1987). Eine Manipulation? I wo. Denn Jünke ist ein ehrenwerter Mann. Das sind sie alle, alle ehrenwert, die mit eidesstattlichen Erklärungen nicht geizenden Jakomeit, Zolper e tutti quanti. Quod erat demonstrandum.
Stefan Dornuf
Gordian Noth
Aus den Annalen der Ochlokratie
Den Soziologen Leo Kofler hat man mittlerweile auf die Ebene der „Lebenshilfe“ heruntergewirtschaftet, zu einer Art Mutter Teresa der Arbeiterbewegung; vgl. als vorläufigen Tiefpunkt das Erbauungsschriftchen „Eros und Politik. Wider die Entfremdung des Menschen“, Bonn 2008, Hg. Heike Friauf (mit Bildern und Graphiken [more pricks than kicks] von Thomas J. Richter). Dort präsentiert auf S. 110 der bewährte Werner Seppmann (Gelsenkirchen) die Früchte seiner wissenschaftlichen Feld- und Furchen-Forschung: „Prostituierte berichten seit etlichen Jahren von zunehmenden Wünschen ihrer Freier nach faktischen oder auch nur symbolischen Gewaltpraktiken.“ Wenn aber Seppmann das Publikum nicht gerade mit seinen Potenzproblemen behelligt, reitet er enthemmt Attacken gegen Hans Heinz Holz, einen Lieblingsschüler Ernst Blochs und den mit Abstand Beschlagensten unter den noch lebenden deutschen Kommunisten (er ist inzwischen 82). Holz nämlich hatte in dem von ihm gemeinsam mit Domenico Losurdo in Verbindung mit dem Istituto Italiano per gli Studi Filosofici (Neapel) herausgegebenen Periodicum „Topos. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie“, Heft 28, Oktober 2007, S. 141–148, eine einfühlsame Würdigung Leo Koflers zu dessen 100. Geburtstag vorgelegt. Dort war dann, allzu schonungsvoll, auch von den diversen „Voreingenommenheiten“ und einer „parteiischen Beschränkung der Wahrnehmung“ bei Koflers Biographen Christoph Jünke (Bochum) die Rede gewesen (S. 148). Deutlicher wurde Holz allerdings, als es um die im strengen Sinne fachlich zu sein prätendierenden Partien von Jünkes Wälzer „Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler – Leben und Werk“, Hamburg (VSA) 2007, ging. Holz schrieb dazu: „So ist Lukács’ philosophische Position ausschließlich aus seiner bürgerlichen Herkunft entwickelt und dann ähnlich wie seinerzeit von den Orthodoxen in der DDR als ‚idealistisch? eingeschätzt; daß die hegelianisierende Betonung der Kategorie Totalität für Lukács bei Lenin ihren Ursprung hat, kommt dabei zu kurz, wie andererseits der durch Wolfgang Harich vermittelte Einfluß Nicolai Hartmanns auf die späte Ontologie von Lukács ganz ausgeblendet wird, obwohl das doch bei den Budapester Gesprächen ein Hauptthema war.“ (ebd.) Mit anderen Worten, ganz undiplomatisch und ohne rote Glacéhandschuhe: Jünkes Dissertation ist theoretisch völlig niveaulos – wie nicht anders zu erwarten, nachdem er schon im Vorfeld (in seiner „Einführung“ zu der Sammlung von Aufsätzen Koflers „Zur Kritik bürgerlicher Freiheit“, Hamburg [VSA] 2000) hanebüchene Definitionen vom Stapel gelassen hatte, die nicht einmal von rudimentärem philosophischen Grundlagenwissen getrübt waren. So behauptete er dort, Kofler hätte im Anschluß an den Lukács von 1923 „die Dialektik als zentrale gesellschaftswissenschaftliche Kategorie (!) entdeckt“ (S. 12) bzw. in seinem dritten Buch versucht, „die Geschichtswissenschaft erkenntnistheoretisch (!) zu fundieren (S. 15). Und in dem kollektiv verbrochenen „Vorwort“ zu „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen“, Berlin (Dietz) 1991, hieß es auf S. 15: „Koflers Ästhetik ist inspiriert durch die von Georg Lukács entfaltete Erkenntnis, daß die gesellschaftliche Verhaftetheit des künstlerischen Motivs (!) nicht nur über das Werk, sondern ebensosehr über die gesellschaftlichen Verhältnisse spricht.“ Wer nach solch – mit Verlaub: kretinösen Auskünften jemals wieder einen Band von Lukács zur Hand nimmt oder Kofler nicht für einen alten Trottel hält, ist selber schuld; sind doch die von uns apportierten Passagen ausdrücklich als Applaus für die beiden Genannten gedacht.1
Erheblichen Unmut schließlich zog Hans Heinz Holz auf sich mit seiner Feststellung, es gebe bei Kofler einige empfindliche philosophische Lücken, und auch die Belege dafür nicht schuldig blieb (a.a.O., S. 143–146). Das bräuchte indes nicht partout gegen Kofler zu sprechen (der ja nie für sich reklamiert hat, Philosoph zu sein) – zumal es etliche andere Berufsgruppen gibt, deren philosophische Defizite im Durchschnitt noch weitaus gravierender ausfallen dürften, wie Bankangestellte, Bäckergesellen oder Antiquitätenhändler. Nein, fatal wird die Lage für Kofler erst dadurch, daß seine hartnäckigsten Adoranten, die den Tod durch Umarmung praktizieren, sowohl philosophische Ignoranten als auch politische Sektierer sind (als eine „Sekte“ pflegte Kofler in seinen Seminaren die DKP zu bezeichnen)2, und wenn die intellektuell nicht satisfaktionsfähigen Seppmann oder Jünke Kofler abwechselnd als Geschichts- bzw. Sozialphilosophen etikettieren, ist der Ruin seiner ohnehin angeschlagenen Reputation vorprogrammiert. Es war eine Hans Heinz Holzens Sorge um philosophische Mindeststandards verwandte Befürchtung gewesen, welche die Bearbeiter von „Nation – Klasse – Kultur“ (Wien 2007) bewogen hatte, Koflers diesbezügliche Schwächen ungeschminkt beim Namen zu nennen (vgl. in dem Karolinger-Band insbesondere S. 25, 72 und 199), damit man rasch zu seinen imponierenden Stärken übergehen kann.
Werner Deppmanns 27seitiges Internet-Elaborat „Abstrakte Geschichtsphilosophie oder konkrete Sozialanalyse? Zur Kritik von Hans Heinz Holz an Leo Kofler“ ist ein wüstes Geschmiere ohne jede Rücksicht auf die dem Deutschen als Hoch- und Schriftsprache eigentümlichen syntaktischen, Deklinations- oder Interpunktionsregeln, das, nachdem der Kerl sich ideologisch ausgekotzt hat, sofort unkorrigiert ins Netz wandert. Dabei bewegt sich der aus der Hefe des Volkes stammende Seppmann3 durchgehend „unterhalb der Höhe seiner Formulierungskunst“ (Stilproben: „Denkmuster und Weltbilder werden als Ausdruck ökonomischer, sozialer und kultureller Konstellationen dechiffriert und dabei ihrer Funktion bei der Bewältigung praktischer Lebensprobleme [sic] besondere Aufmerksamkeit geschenkt“; „Keine Information und Zurechnung mußte bei einem solchen Vorgehen falsch sein und dennoch wurde ein verzerrtes Bild gezeichnet“; da wird dann „dimentral entgegengesetzt“, es ist von „Konkretationsformen des Geschichtsprozesses“ die Rede, Karl August Wittfogel schreibt sich plötzlich „Wittvogel“ usw. usf.). Kurzum, es ist der „Emanzipationsanspruch der Subalternen“, der sich mit Seppmann ressentimentgeladen zu Wort meldet und der auf das sprachliche und gedankliche Niveau der „Herrenschicht“ ungestraft glaubt verzichten zu können. (Merkwürdig bloß, daß noch ein Kant, ein Fichte, wiewohl dieser alles andere als sozial zugehörig, auf jenes Niveau nicht nur größten Wert legte, sondern es auch spielend erreichte, ja übertraf und damit abendländische Philosophiegeschichte schrieb.) Und was soll man davon halten, wenn dieser Vorsitzende der Wuppertaler Marx-Engels-Stiftung gesellschafttheoretische Grundbegriffe wie Macht und Herrschaft einerseits, Unterdrückung und Ausbeutung andererseits wie Kraut und Rüben durcheinanderwirft? Kein Wunder, daß Hans Heinz Holz, der ein alter Mann ist und die philosophische Ernte einbringen muß, sich von den „Marxistischen Blättern“ inzwischen verabschiedet hat: Er ist noch gediegenere Qualität gewohnt, etwa die des Marburger Nationalökonomen und Soziologen Werner Hofmann (1922–69).
Das trostlose Machwerk des deprimierend auf den Hund gekommenen vormaligen DKP-Verlags Pahl-Rugenstein bestätigt vollauf die Richtigkeit der Entscheidung Reinhard Pitschs, daß man einen Autor wie Kofler unverzerrt und ohne Verabreichung „ideologischer Verdauungshilfe“ (Wolfgang Harich) heutzutage nurmehr bei einem seriösen konservativen Haus wie etwa Karolinger/Wien verlegen kann, denn die Witwe & Rechteinhaberin Ursula Kofler (Köln) erteilte, bis zu ihrem unlängst erfolgten Hinscheiden, ihren Segen ausschließlich linken Retuschierern am Schaffen ihres verstorbenen Mannes (wofür ihr auch in diesem Falle weidlich Kotau zuteil ward). Da es sich inzwischen herumgesprochen hat, daß zumal der arglistige Stefan Dornuf das Uljanow-Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ kaltlächelnd beherzigt, ist jene dreiste Unbeschwertheit perdu, welche sich die Kofler-Betreuer Werner Seppmann und Christoph Jünke noch herausgenommen hatten, und ihre Nachfolgerin Heike Friauf muß sich jetzt notgedrungen größerer Vorsicht befleißigen. Doch man bedient ja ohnehin bloß die eigene – im doppelten Sinne – beschränkte Klientel und kennt seine Pappenheimer, die brav alles schlucken, was man ihnen einträufelt. Es sind zwei populär gehaltene Broschüren Koflers aus der ersten Hälfte der 80er Jahre, die hier zugerichtet werden. Wie geschieht ihnen?
Von „Der Alltag zwischen Eros und Entfremdung“ heißt es, es handele sich um einen „Nachdruck des gleichnamigen Bandes mit wenigen Auslassungen“ (S. 163; unsere Unterstreichung, G.N.). Nun, es klaffen jede Menge Lücken; nur daß die lacunae diesmal – im Gegensatz zu den von den beiden oben genannten Herren der Schöpfung früher getätigten –als solche mit jeweils drei Pünktchen markiert worden sind, damit ihnen keine lacrimae auf dem Fuße folgen. Ein Ärgernis bleibt, daß die willkürlichen Kürzungen seitens der Herausgeberin nirgends näher begründet werden. Jedenfalls liegt der Friauf – wie zuvor dem Seppmann bei „Beherrscht uns die Technik?“ – an Kofler so rasend viel, daß man jeweils ein komplettes Kapitel von ihm rausschmeißt, um Platz zu schaffen für den Senf, den man stattdessen selber klugscheißerisch zu applizieren wünscht (auch dies eine Maßnahme, an die man beim gewissenhaften Karolinger Verlag nicht einmal im Traum gedacht hätte). Hier entfallen u.a. fünf Seiten Koflers über „Sorge und Besorgen“. Die „Sorge“ – das mag der Editorin gerüchteweise zugetragen worden sein – ist ein Schlüsselbegriff bei Heidegger 1927, aber da der Philosoph 1933, Gott sei Dank!, mit den Nazis angebändelt hat, braucht man sich als Linkslegastheniker mit ihm nicht zu beschäftigen (das wäre ja auch furchtbar anstrengend). Tatsächlich unterbietet die erbsenzählerische Kleinkariertheit dieser Leutchen jede Vorstellungskraft: So wird einmal von Heike F. ein einzelner Satz Koflers (in dem Original des Büchleins, bei Germinal 1982, auf S. 37) getilgt, in dem es um das Verhältnis von Eitelkeit und Ehrgeiz im Berufs- und Privatleben der Unterprivilegierten geht – offenbar allein deshalb, weil er für die Betroffene und Ihresgleichen, die „progressive Elite“, zu wenig schmeichelhaft ausfällt. (Das ist ähnlich verräterisch wie die überproportionale Erzürntheit der „68er“, wenn sie bei Marx auf die „Arbeitsscheu“ des Lumpenproletariats stoßen: In dessen Diagnose erblicken sie ihr eigenes trübes Spiegelbild. Vgl. etwa Hauke Brunkhorsts Suhrkamp-Kommentar zum „Achtzehnten Brumaire“, Ffm. 2007.) Wie soll man so etwas noch nennen, wenn nicht Zensur?
Was die andere Kofler-Broschüre betrifft, „Eros, Ästhetik, Politik“ (1985), so wird behauptet (S. 163), die Friauf-Anthologie bringe einen „Nachdruck des gleichnamigen Buches“ – ohne Wenn und Aber. Schön wär’s. De facto fehlt die zweite (und sachlich interessantere) Hälfte des damaligen VSA-Bändchens vollständig. Es waren dies die Seiten 57 bis 99, auf denen Kofler primär die Beziehung von traditioneller Philosophie und dialektischer Soziologie erörterte. Neben Koflers Motti, seiner Einleitung und zwei längeren Fußnoten streicht Frau Friauf auch hier wieder einen einzelnen Satz (im Hamburger Original S. 53), in welchem Kofler pauschal auf fünf seines Erachtens verdienstvolle Völkerkundler bzw. Prähistoriker hinweist, zwei Angelsachsen und drei Deutsche. Warum werden die Namen dieser Forscher jetzt eliminiert? Weil Heike Friauf keine Lust hat, sie zu lesen? Oder weil ein paar von ihnen vorübergehend Mitläufer des „Dritten Reiches“ waren? Doch hat das Kofler auch bei Carl Schmitt, Arnold Gehlen u.a. nicht gestört.
Aber lohnt es überhaupt, die unlauteren Motive eines dürftigen Kopfes – sei es der der Editorin oder der ihrer intellektuellen Zuhälter – bis ins schmutzige Detail ergründen zu wollen? Die Frage stellen heißt sie verneinen. Das Procedere jener „Viecher“ (wie Marx im Briefwechsel mit Engels linke Mogelpacker zu titulieren beliebte) ist das immergleiche: Man lügt, daß sich die Balken biegen, streut ein Höchstmaß an Desinformation (das Internet steckt voller Emser Depeschen) und spekuliert darauf, daß die eigene konformistische Stammkundschaft zu faul ist, sich die Materialien zu beschaffen, die das genaue Gegenteil beweisen würden. So suggeriert etwa Heike Friauf (S. 17) eine Verschwörung „rechtskonservativer Kreise“, damit – nachdem es bei Brecht und Schostakowitsch fast geklappt hätte – endlich auch Kofler und Peter Hacks „entkommunistifiziert“ werden können.
Das ist, um 180 Grad gedreht, die reine Wahrheit. Was Hacks anbelangt, so entbehrt es nicht der Plausibilität, daß einer seiner glühendsten Verehrer der gläubige Katholik, bekennende Reaktionär und Papist Martin Mosebach ist. Dessen Verteidigung des Stalinisten und Neoklassizisten Hacks gegen die „undogmatische Linke“, von 2004, dürfte so ziemlich das Gescheiteste sein, was über den DDR-Dichter bisher zu Papier gebracht wurde. So sehen es auch alle Nicht-Sektierer, einerlei wo sie politisch stehen mögen, und deshalb firmiert Mosebachs Plädoyer als Auftakt der allerersten Ausgabe (September 2007) von „Argos“, dem offiziellen (Halb-)Jahrbuch der Peter-Hacks-Gemeinde.
Desgleichen bei Kofler. Die Karolinger-Sammlung (2007) war eine konzertierte Aktion gewesen, um den Soziologen vor linker Verharmlosung in Schutz zu nehmen, und rückt ihn schon auf der ersten Seite des Vorworts, dies zudem mit ausgesprochen positivem Akzent, in die ideelle Nachbarschaft des Kommunismus. Darüber hinaus werden in dem Band allenthalben Freunde und Kollegen Koflers mit Lob überhäuft, die, im Unterschied zu ihm, jene Parteibindung eingegangen waren, nämlich die keineswegs anti-autoritären Kommunisten Georg Lukács, dessen Schüler Wolfgang Harich, der Bloch-Schüler Hans Heinz Holz, der Initiator der Internationalen Hegel-Gesellschaft Wilhelm Raimund Beyer etc. – kaum zu glauben, wenn man geradewegs aus Frau Friaufs Kita für theoretisch Minderbemittelte mit obligatorischer Märchenstunde kommt …
Und im übrigen: Warum sollte, nur weil er inzwischen ein Rechter ist, Günter Maschkes Loyalität zu Kofler irgendwie gelitten haben? Schließlich ist er dessen gebildetster und ältester Schüler4 und hat keinerlei Grund, sich seines vormaligen Lehrers zu schämen und zu ihm auf Distanz zu gehen. Im Gegenteil. Bereits 1987, im zweiten Teil der Monographie „Der Tod des Carl Schmitt“ (bei Karolinger), hatte Maschke, im Zuge seiner Abrechnung mit Habermas, als Gewährsmann für die authentisch marxistische Position – Kofler ins Feld geführt; wen sonst? (Das war auch als Hommage zu dessen 80. Geburtstag intendiert gewesen.) Und zu demjenigen Wolfgang Harichs, im Dezember 2003, gab der patente Peter Fix bei einem schalkhaft „Abbau-Verlag“ getauften (Berliner?) Unternehmen eine Broschüre heraus, die Günter Maschke als Co-Autor hatte und die Stefan Dornuf auf einer Doppelseite in der „jungen Welt“ vom 29.12.2003 vorstellen durfte. Dieselbe Zeitung hatte, knapp sieben Wochen zuvor, ausführlich und wohlwollend berichtet von einem alternativen (i.e. außer-universitären) Adorno-Colloquium im Kolpinghaus in Frankfurt am Main (Günter Platzdasch, „Spätlese“, „jW“ vom 10.11.2003), bei dem besagter Mosebach-Freund Maschke in trauter Eintracht u.a. mit dem jüdischen Kommunisten Hans G Helms, dem von Horkheimers und Adornos ehemaligen Schülern am ausgeprägtesten sozialistischen Hans-Georg Backhaus sowie, als bescheidenem Nachgeborenen, dem Neo-Marxisten Dornuf auf dem Podium saß. Mithin eine zu hundert Prozent offene Diskussion, bei der, erfreulicherweise, Partei-Couleur einmal keine Rolle spielte und schiere Sachkompetenz statt verblasenem „Engagement“ den Ton angab. Beanstandungen ob solch ideologisch bunter Mischung? Keine, sofern es die „junge Welt“ anging. Woher also – da sämtliche aufgezählten Referenten an ihren Anschauungen von damals unverändert festhalten – aus heiterem Himmel der Stimmungsumschwung beim einstigen FDJ-Organ, das sich seit mindestens zwei Jahren zum Forum für Rufmord und Verleumdung gemausert hat, auf dem linke Polit-Clowns und assoziierte „Wichtigkeitskasper“ (Eckhard Henscheid) in Scharen Amok laufen dürfen? Antwort: Unterdessen sind Jünke & Co., s.o., enttarnt und ist ein leitender Redakteur der „jW“ als auf Wolfgang Harich angesetzter Zuträger des MfS geoutet worden. Um davon abzulenken, wird nun, mit vereinten Kräften und sekundiert von einer willfährigen Justiz, der Popanz einer „neurechten Konspiration“ in Szene gesetzt. Denn wenn es die nicht gäbe, müßte man sie erfinden – um weiterhin die dafür üppig veranschlagten bundesrepublikanischen Steuergelder abgreifen zu können.
Anmerkungen
1 Eventuell weiß Volkmar Wölk vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung/DISS, welch seltenen Eingeborenendialekts sich die acht AutorInnen des Vorworts zu der Bochumer Vorlesungsreihe zu Koflers 80. befleißigen? Solingisch vielleicht? (Von ferne gemahnt einen das Kaderwelsch bisweilen gar ans Teutsche – doch ich mag mich irren …) Als Entscheidungshilfe hier ein paar repräsentative Stilblüten: „Das Ganze bedeutet jedoch nicht alles, oder dieses angenähert – hier würde die Realität erneut dupliziert, und die Analyse verlöre ihre eigene produktive Kraft –, sondern ist gemeint als durchdringende Bezüglichkeit.“ (S. 17) Na dann … Oder: „Nicht ein fester Zusammenhang, der in einer Interpretation besteht, ist die Wahrheit über die Verhältnisse, sondern daß sie als umfassende und durchdringende Wideraufnahme entwickelt wird, läßt sie Wahres schaffen, nämlich Beziehungen offenlegen, die ansonsten gerade nicht thematisiert werden, unter den Tisch fallen.“ (S. 18) Danach überrascht es einen kaum noch zu erfahren, daß es „Intention des Buches“ sei, „marxistische Gesellschaftstheorie der Gesellschaft in den Streit zu stellen“ (ebd.; nicht lieber: ihr in den Schritt zu fassen?, G.N.).
2 Vgl. zu Koflers Bewertung des Sektenwesens seine „Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“, 1. A. 1948 bis 6. A. 1976 (nicht zu empfehlen: die 7. A. von 1979, weil sie [auf Druck des Verlages hin] gekürzt, bzw. die 8. A. von 1992, weil sie [durch Jünke & Co.] „bearbeitet“ worden ist).
3 Die folgenden sieben Satzteile bzw. Sätze in Gänsefüßchen sind Zitate aus seinem Auswurf.
4 Als solcher tritt er auch auf in einem von der Kritik gerühmten exotischen Roman der 80er Jahre, vertrieben von so obskuren Verlagen wie Hanser und Rowohlt.